Deutscher Wärmeschutztag erstmalig in Berlin

Wärmeschutztag 2016Eine Abwechslung erfuhr der traditionelle Deutsche Wärmeschutztag des Forschungsinstituts für Wärmeschutz e. V. München (FIW München) 2016 durch einen anderen Veranstaltungsort. Fand der Wärmeschutztag bisher stets in München statt, gastierte er 2016 erstmalig in Berlin auf dem EUREF-Campus. Dort im Stadtteil Schöneberg entwickelt die EUREF AG seit 2007 den über fünf Hektar großen Campus zu einer intelligenten Stadt für Arbeiten, Forschen, Bilden und Wohnen – ein Zukunftsort, bei dem energetisch optimierte Gebäude, ein lokales „Micro Smart Grid“ sowie geringe Betriebskosten durch Nutzung regenerativer Energien im Mittelpunkt der Entwicklung stehen. Auf dem Gelände liegt der Fokus primär auf der Infrastruktur. Das Versorgungskonzept basiert auf dem Grundgedanken, mit der Anwendung von Urban Technologies die benötigte Energie weitestgehend CO2-neutral zu erzeugen und effektiv zu nutzen. Bereits seit Januar 2014 erreicht der Campus die Klimaziele der Bundesregierung für 2050.

Rund 100 Teilnehmer aus Wirtschaft, Industrie, Forschung und Politik waren der Einladung des FIW München gefolgt, um einen Tag lang das Thema „Energie- und klimapolitische Anforderungen an den Gebäudebereich“ gemeinsam zu diskutieren. Die Anzahl der Kooperationspartner des diesjährigen Deutschen Wärmeschutztags konnte mit der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena), der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V., der Gesellschaft für Rationelle Energieverwendung e. V. (GRE) und Qualitätsgedämmt e. V. erhöht werden.

Wärmeschutztag 2016 Der Vorstandsvorsitzende des FIW München Klaus-W. Körner leitete mit einer Keynote den Wärmeschutztag ein. Körner sprach dabei von „aktuell Licht und Schatten“. Licht, weil die Klimaschutzkonferenz von Paris ein kraftvolles Signal ausgesandt hat. Dadurch, dass sowohl die USA als auch China den Klimaschutzplan 2050 ratifizieren, sei eine große Hoffnung ausgelöst worden. „Die erste Hürde ist genommen. Nun gilt es aber, dieses kraftvolle Signal von Paris auch kraftvoll umzusetzen, damit der Klimaschutzplan 2050 für die gesamte Völkerwelt verbindlich wird“, mahnte er. „Soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit funktionieren nur Hand in Hand. Bloße Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus, die reine Symbolpolitik muss ein Ende haben.“ Noch deutlich Schatten sah Körner beim ausgegebenen Ziel der Sanierungsrate von 2 % im Gebäudebereich. „Es muss jedem klar sein, dass der Gebäudebereich absolut im Mittelpunkt steht. Momentan liegen wir bei einer Sanierungsrate von unter 1 %. Das kann so nicht bleiben. Klimaneutrales Bauen führt zu klimafreundlichem Wohnen. Wir können es von der Strom- zur Energiewende nur schaffen, wenn wir dem baulichen Wärmeschutz eine höhere Priorität einräumen.“

Wärmeschutztag 2016Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, nannte die Energieeffizienz den aktuell größten Treiber von Innovation. Auch er reklamierte: „Wir müssen noch mehr Energie einsparen und der Gebäudebereich ist dabei das Zentrum allen Handelns.“ Kuhlmann zeigte sich noch nicht ganz zufrieden im Blick auf den Klimaschutzplan 2050. „Es bedarf heutzutage mehr als der Ratifizierung von Verträgen. Wir brauchen in der Politik einen neuen Diskurs über Energieeffizienz, einen Paradigmenwechsel.“ Der dena-Chef forderte mehr Engagement von der Politik. „Es wird mir viel zu viel und pauschal geredet, aber zu wenig konkret gehandelt.“

Auf die beiden Einführungsstatements folgten zehn Fachvorträge hochkarätiger Referenten. Als besonderen Ehrengast unter den Referenten begrüßten die FIW Verantwortlichen Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung e. V. (PIK). Schellnhuber zählt weltweit zu den renommiertesten Klimaforschern und hat mehrere hohe Auszeichnungen für sein Wirken erhalten, u. a. den Titel „Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (CBE)“, verliehen von Königin Elisabeth II. Er berät u. a. die Weltbank, die Bundesregierung und den Heiligen Stuhl. Papst Franziskus hat ihn 2015 zum ordentlichen Mitglied auf Lebenszeit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften berufen.

Seit drei Jahrzehnten erkundet Schellnhuber das Menschheitsproblem Klimawandel. Als Gründer des PIK, das er bis heute leitet, hat er Hunderte wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht und Ideen wie das heute international anerkannte Zwei-Grad-Ziel globaler Erwärmung geprägt. Eindringlich warnte der Physiker in seinem Vortrag: „Tatsächlich ist die Menschheit auf dem Weg in die ungewollte Selbstverbrennung, wenn sie nicht sehr bald abbiegt auf den Pfad der Nachhaltigkeit. Werden weiter unvermindert Kohle, Öl, Gas verfeuert, so heizen die dabei frei werdenden Treibhausgase unseren Planeten bereits bis Ende unseres Jahrhunderts um etwa vier Grad auf, später um sechs, um acht Grad. 2015 ging bereits als das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen in die Geschichte ein – die Krise ist überdeutlich“, so Schellnhuber. „Risiken ungekannten Ausmaßes sind die Folge von Wetterextremen über den Anstieg des Meeresspiegels bis hin zu Strömen von Klimaflüchtlingen.“ Schellnhuber nannte sich selbst nicht nur einen Wissenschaftler, sondern auch „Gewissenschaftler“: „Ich sehe mich in der Verantwortung, nicht bloß mit anderen Forschern unsere Erkenntnisse zu teilen, sondern mit all jenen, die von den Folgen des Klimawandels am Ende betroffen sein werden und in deren Macht es steht, ihn zu stoppen.“

Wärmeschutztag 2016Einen weiteren Höhepunkt bildete die Gesprächsrunde zum Thema „Die Macht der Medien“. Buchautor Ulrich Wickert und der SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer interviewten sich gegenseitig. Raus kam dabei eine kurzweilige halbe Stunde Analyse zweier Intellektueller der deutschen Medienlandschaft. Wickert räumte gleich zu Beginn mit der Mär auf, dass Medien zu viel Macht hätten. „Medien können z. B. keine Wahlen entscheiden. Das ist Unsinn. Sie können eventuell im Vorfeld Stimmungen beeinflussen. Mehr nicht“. Kritisch äußerte sich der ehemalige Tagesthemen-Moderator über die neue Rolle einiger Journalisten in der Flüchtlingskrise. „Journalisten sind jetzt auf einmal nicht nur mehr Beobachter, sondern auch Aktivisten für eine Sache. Ob diese Entwicklung gut ist, bin ich mir nicht sicher. Generell sollten Journalisten für Werte eintreten, aber nicht aktiv bei einer Sache mitwirken.“ Noch deutlicher wurde Jan Fleischhauer: „Wir prämieren das Falsche. Dunja Hayali erhält die Goldene Kamera, weil sie Haltung gezeigt hat bei einer Pegida-Demonstration. Prämiert für Haltung! Geht’s noch?“ Der wahre Grund für die Auszeichnung wäre doch der Shitstorm im Anschluss gewesen, so der SPIEGEL-Kolumnist. Ulrich Wickert stimmte zu und gab zu bedenken: „Journalisten sind mir oft zu weinerlich. Auch sie machen Fehler und dürfen das“. Allgemein ist die Situation der Presse in Deutschland Wickert zufolge gut: „Die deutschen Medien gehören mit zu den besten der Welt. 80 % der Bundesbürger vertrauen ihnen.“

Den Abschluss des Deutschen Wärmeschutztags 2016 bildeten die Zusammenfassung und der Ausblick von Prof. Dr.-Ing. Andreas H. Holm, Institutsleiter des FIW München. Holms Credo: „Wir müssen jetzt an die Zukunft denken!“ Holm nahm das Auditorium mit auf eine Zeitreise durch 40 Jahre Energieeffizienz in Gebäuden. Im Juli 1976 wurde erstmalig in der Bundesrepublik Deutschland ein Energieeinsparungsgesetz (EnEG) verabschiedet. Der FIW Institutsleiter zeigte anhand von Beispielen die Entwicklungen der Anforderungen in den letzten Jahrzehnten vom energiesparenden Wärmeschutz (WSchV) bis zur Energieeinsparung bei Gebäuden (EnEV) und EEWärmeG auf. Unabdingbar für ein erfolgreiches energieeffizientes Bauen ist Holm zufolge der Dreierschritt Energieeinsparung – Steigerung der Energieeffizienz – Nutzung erneuerbarer Energien.

Der nächste Wärmeschutztag des FIW München findet am 20. Juni 2017 in Berlin statt.

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